Josef Stangl (1907–1979)
Bischof von Würzburg 1957-1979
Josef Stangl war
von 1957 bis 1979 Bischof der Diözese Würzburg. Er verstand
sein Amt durch und durch als seelsorgerische Aufgabe. Während des Zweiten
Vatikanischen Konzils sprach er sich entschieden für die
Verabschiedung der konsequenten Erklärung der Kirche zu den
nichtchristlichen Religionen und über die Juden aus. Dieses
Anliegen brachte er auch durch seine Anwesenheit bei der Einweihung der
Würzburger Synagoge 1970 zum Ausdruck, als er der israelitischen
Gemeinde eineThorarolle schenkte. 1972 bis 1975 war Stangl im
Würzburger Dom Gastgeber der Gemeinsamen Synode der Bistümer
in der Bundesrepublik Deutschland. Weitere Höhepunkte seiner
Amtszeit waren der Abschluss des Wiederaufbaus des Doms 1967 und die
Seligsprechung des im Dreissigjährigen Krieg ermordeten Pfarrers
Liborius Wagner 1974. Stangls letzte Lebensjahre wurden
überschattet von den Auseinandersetzungen um den Tod der
epileptischen Studentin Anneliese Michel, an der er den Exorzismus
vornehmen ließ. Josef Stangl wurde am 12. August 1907 in
Kronach (Oberfranken) als eines von fünf Kindern des Richters Kosmas Stangl und seiner Frau Margaretha, geborene Scheubel, geboren.
Nach Kindheitsjahren in Heidenheim und Volkach besuchte
er zunächst das Gymnasium in Bamberg, später in
Würzburg. In München und Würzburg studierte Stangl
Theologie und Philosophie und war ab 1926 Alumne des Würzburger
Priesterseminars. In Würzburg schloss er sich der 1919
gegründeten Erneuerungsbewegung „Neudeutschland“ um
Pater Alfons Maria Mitnacht OESA an. Deren Ideen eines in Christus
vollendeten Menschentums sollten Stangls Spiritualität lebenslang
prägen.
Nach der Priesterweihe am 16. März 1930 in Würzburg wirkte
Josef Stangl kurzzeitig als Kaplan in Thüngersheim und als
Kooperator in Himmelstadt sowie hauptsächlich als Kaplan in
Aschaffenburg-Herz Jesu. 1934 bestimmte ihn der Würzburger Bischof
Matthias Ehrenfried zum Religionslehrer am renommierten Institut der
Englischen Fräulein in Würzburg. Von 1938 an hatte er das Amt des
Diözesan-Jugendseelsorgers inne, bis er 1943 Pfarrer in Karlstadt
wurde. Da er sich beim Einmarsch der amerikanischen Truppen für
die Schonung der Stadt einsetzte, verlieh diese ihm 1947 die
Ehrenbürgerwürde. Im gleichen Jahr wurde er als
Religionslehrer an die Würzburger Lehrerbildungsanstalt berufen.
1953 ernannte ihn Bischof Julius Döpfner zum Ordinariatsrat und
Leiter des neu eingerichteten Seelsorgereferats sowie des Bildungshauses
„Sankt Burkardus“. 1956 berief er ihn zum Regens des
Priesterseminars.
Nachdem Bischof Döpfner als Erzbischof von Berlin inthronisiert
wurde, bestimmte Papst Pius XII. Josef Stangl am 27. Juni 1957 als
dessen Nachfolger auf dem Würzburger Bischofsstuhl. Am 12. September
wurde er vom Bamberger Erzbischof im Würzburger Neumünster
konsekriert. Stangl sollte der Diözese 22 Jahre lang als Oberhirte
dienen. Seine Amtsführung war gekennzeichnet durch
selbstverständlichen, lauteren Einsatz. Bei seinen Gläubigen
war er als „Volksbischof“ beliebt wegen seiner Einfachheit
und Güte. Die Universität Würzburg verlieh ihm die
Ehrendoktorwürde, er war Träger des Großen
Verdienstkreuzes des Bundesverdienstordens sowie des Bayerischen
Verdienstordens. Anläßlich der Seligsprechung Liborius
Wagner in Rom hatte er die seltene Gelegenheit, in Anwesenheit des Heiligen
Vaters eine Messe zelebrieren zu können.
In der Affäre um den Tod der Studentin Anneliese Michel, die die
letzten Lebensjahre des Bischofs belastete, setzte sich die
Überzeugung durch, dass Stangls Vertrauen missbraucht worden war
und er am Ende die Gefährlichkeit der Situation nicht mehr
überblicken konnte. Ein gegen die Eltern der Verstorbenen, einen
Salvatorianerpater und einen weiteren Geistlichen 1978 eingeleitetes
Verfahren endete mit der Verurteilung der Angeklagten auf
Bewährung und erregte bundesweites Aufsehen. Der großen
Beliebtheit bei seinen Gläubigen konnte die Affäre keinen Schaden
zufügen
Schwer krank reichte Josef Stangl 1978 seine Resignation ein, die am
8. Januar 1979 angenommen wurde. Unter großen Leiden starb der
Bischof am 8. April des gleichen Jahres in Schweinfurt und wurde drei
Tage später im Würzburger Dom beigesetzt. Grundlage: Klaus
Wittstadt: Josef Stangl, in: Die Bischöfe der
deutschsprachigen Länder 1945-2001, hg. von Erwin Gatz (2002).Theodor Kramer: Hirte und Bischof,
in: „In Memoriam Dr. Josef Stangl“ (1979).
|